Ulrich Siegmund | Snapshot: YouTube

Zuletzt aktualisiert 25. August 2026

Der 35-jährige AfD-Fraktionschef aus Sachsen-Anhalt ist ein Naturtalent. Seine Ansprache vom 23. August in Quedlinburg zeigt, wie man frei zu Bürgern spricht und sie begeistert.

Nach der dreistündigen Simson-Ausfahrt tritt Siegmund in Jeans und T-Shirt vor Tausende Menschen. Hinter ihm liegt ein vier Kilometer langer Zug knatternder DDR-Mopeds aus Suhl, der in den Dörfern wie die Tour de France bejubelt wurde.

Kein Rockstar, aber gefeiert wie einer

Als Siegmund am Ziel der „Ausfahrt“, wie er den Korso schlicht nennt, die Bühne betritt, brandet Jubel auf. Er ist kein Rockstar, wird an diesem Nachmittag aber wie einer empfangen. Nur kommt er nicht mit Sonnenbrille und Leibwächtern. Er steht dort wie einer von denen, die ihm zujubeln. Wie jemand, der morgen kommen könnte, um die Waschmaschine zu reparieren. Dazu braucht es keine Krawatte.

Siegmund ist hier aufgewachsen. Er kennt die Orte und die Sprache der Menschen. Er erklärt Sachsen-Anhalt nicht wie ein angereister Wahlkämpfer, der morgens im Dienstwagen noch schnell die Namen der umliegenden Dörfer gelernt hat.

Er blickt über den Platz, auf dem sich schätzungsweise rund 5.000 Menschen drängen, und fragt zweimal: „Was ist hier gerade passiert?“ Man sieht ihm an, wie sehr ihn diese Menschenmenge bewegt. Später sagt er offen: „Ich habe wirklich Gänsehaut.“

Andere Politiker können daraus lernen. Wer Menschen erreichen will, darf nicht über ihnen stehen. Er muss wissen, wie sie leben, worüber sie sich ärgern und was ihnen Hoffnung macht. Und genau danach verlangen die Menschen: Hoffnung.

Der Spickzettel bleibt zu Hause

Siegmund spricht immer frei. Vor ihm liegt kein Zettel, an dem er sich von der ersten Begrüßung bis zum letzten Dankeschön entlanghangelt. Seine Gedanken entstehen sichtbar während des Redens.

Dabei wiederholt er sich. Er beginnt Sätze neu. Nicht jede Formulierung erreicht ihr Ende auf dem kürzesten Weg. Doch jedes Wort gehört erkennbar ihm. Es wurde nicht von einem Redenschreiber geliefert und anschließend von drei Pressesprechern keimfrei gemacht.

„Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über“, übersetzte Martin Luther einen Bibelvers. Wer selbst von seiner Sache erfüllt ist, braucht keine Anleitung. Er muss keinen Satz auswendig lernen. Er weiß, was er sagen will.

Darin liegt eine wichtige Lektion für andere Politiker. Eine freie Rede entsteht nicht dadurch, dass man das Manuskript fünf Minuten vor dem Auftritt wegwirft. Der Redner muss seine drei oder vier Gedanken so gut kennen, dass er sie einem Nachbarn auch am Gartenzaun erzählen könnte.

Drei Sorgen, die jeder versteht

Siegmund trägt kein vollständiges Parteiprogramm vor. Er nennt günstigen Kraftstoff, sichere Städte und Ordnung in den Schulen. Drei Dinge genügen. Jeder auf dem Platz versteht sie. Jeder kann sie später am Küchentisch wiederholen.

Siegmund spricht auch über Kinder und Enkel. Ihnen soll es einmal besser gehen. Er redet von einer „Welle des positiven Aufbruchs“. Die Menschen sollen den Platz mit neuem Mut verlassen. Sie sollen spüren und wissen, dass ihre Stimme etwas bewegen kann.

Wer vor Bürgern redet, sollte ihnen deshalb nicht nur aufzählen, was alles kaputt ist. Eine gute Rede zeigt auch, was wieder aufgebaut werden kann.

Der SPIEGEL wird zum Wahlhelfer

Dann bedankt sich Siegmund ausgerechnet beim SPIEGEL. Das Magazin hat sein Gesicht auf die Titelseite gesetzt und ihn zum „gefährlichsten Mann Deutschlands“ erklärt.

Siegmund schimpft nicht. Er nennt die Titelseite ein großes Wahlkampfgeschenk. Vor der Bühne halten Menschen die Ausgabe hoch. Später lassen sie das Heft von ihm signieren. Siegmund setzt seinen Namen wie ein Autogramm.

Siegmund ist ein Naturtalent. Seine Sätze lassen sich nicht kopieren. Seine Art zu reden aber lässt sich beobachten. Er spricht frei, bleibt bei den wichtigsten Gedanken und gibt den Menschen das Gefühl, dass sie wichtig sind.

Noch 14-mal schlafen

„Noch 14-mal schlafen“, sagt Siegmund mit Blick auf den Wahltag am 6. September. Früher zählten Kinder so die Tage bis Weihnachten. In Sachsen-Anhalt zählen nun Erwachsene die Nächte bis zur Wahl. Statt Schokolade steckt hinter jedem Türchen ein Stück Hoffnung.

Von Siegmund lernen heißt siegen lernen.

Meinrad Müllers Blog: www.info333.de/p

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