Zuletzt aktualisiert 6. September 2026

Der Supergau für Berlin: Hackergruppe Rhysida veröffentlicht Berliner Verwaltungsdaten – personenbezogene und hochsensible Informationen und geheime Unterlagen. Welche Folgen hat das für die Bürger?

Was Berlin unter Verschluss halten sollte, veröffentlichen die Hacker nun im Internet. Damit rächen sie sich dafür, dass der Senat die geforderten zwei Millionen Euro Lösegeld nicht bezahlt hat. Im Netz stehen rund 1,44 Millionen Dateien mit insgesamt 5,8 Terabyte.

Darunter befinden sich Personalakten, Ausweiskopien, Lohnabrechnungen, Disziplinarverfahren, Verträge, Kontodaten, Passwörter und Akten über Ordnungswidrigkeiten. Hinzu kommen Verschlusssachen, Geheimschutzunterlagen und Angaben über kritische Infrastruktur. Viele Berliner müssen damit rechnen, dass auch ihre Daten darunter sind.

Die Erpressungsfrist ist abgelaufen

Ich lebe selbst in Berlin und bin einiges gewohnt. Termine dauern Monate, Baustellen Jahre und Entscheidungen manchmal eine halbe Ewigkeit. Doch dieser Datenraub ist keine weitere Berliner Panne. Die Stadt hat Unterlagen verloren, die ihr die Menschen anvertrauen mussten.

Die Erpressergruppe Rhysida verlangte 30 Bitcoin, umgerechnet rund zwei Millionen Euro. Berlin zahlte nicht. Daraufhin stellten die Täter ihre Beute im verborgenen Teil des Internets zum Herunterladen bereit.

Die Datendiebe haben offenbar ganze Aktenschränke kopiert. Nach ihrer veröffentlichten Übersicht befinden sich darunter mehr als 46.000 Verträge, rund 55.000 Finanzunterlagen und fast 6.000 Dateien mit Passwörtern. Die Täter kopierten die Daten, setzten eine Zahlungsfrist und machten anschließend ihre Drohung wahr.

Die falsche Rechnung kennt Ihr Aktenzeichen

Für Betrüger ist dieser Datenberg eine Goldgrube. Ein gewöhnliches Betrugsschreiben lässt sich häufig nicht erkennen, weil Name, Betrag oder Vorgang stimmen. Nun können Kriminelle mit echten Angaben arbeiten.

Ein Berliner erhält beispielsweise ein Schreiben wegen eines Knöllchens. Darin stehen sein vollständiger Name, seine Anschrift, das richtige Datum, der genaue Betrag und das echte Aktenzeichen. Sogar die zuständige Behörde stimmt. Nur die Kontonummer wurde ausgetauscht.

Der Empfänger erkennt den Vorgang und überweist. Das Geld landet nicht beim Land Berlin, sondern bei den Datendieben. Diese müssen keine Geschichte mehr erfinden. Berlin hat ihnen Namen, Beträge, Aktenzeichen und Behördenvorgänge gleich mitgeliefert.

Auch Unternehmen können täuschend echte Mitteilungen über angeblich geänderte Bankverbindungen erhalten. Eine falsche Kontonummer genügt, und eine hohe Rechnung nimmt eine längere Reise als jeder Berliner Bauantrag.

Personalakten werden zu Erpressungsakten

Unter den veröffentlichten Unterlagen befinden sich Personalakten, Ausweisdaten, Bankverbindungen, Lohnabrechnungen, Arbeitszeugnisse und Disziplinarverfahren. Damit lassen sich Identitäten missbrauchen und Menschen unter Druck setzen. Der Bürger hatte keine Wahl. Er musste der Verwaltung seine Anschrift, seine Kontodaten, seinen Arbeitsvertrag oder sein Verfahren offenlegen. Berlin nahm alles entgegen, speicherte alles und ließ anschließend das digitale Scheunentor offen.

Nun trägt nicht der verantwortliche Beamte das Risiko, sondern der Bürger, dessen Name in den gestohlenen Akten steht. Arbeitszeugnisse, Gehälter, Krankheiten und dienstliche Vorwürfe liegen auf dem Wühltisch der Unterwelt. Aus dem ersten Datenraub entsteht bereits die Gebrauchsanweisung für den nächsten Angriff.

Geheimschutz ohne Geheimnisse

Unter den Dateien befinden sich auch Verschlusssachen, Geheimschutzkorrespondenz und Unterlagen aus Bundesratsausschüssen. Hinzu kommen Akten über politisch motivierte Vorgänge mit Bezügen zum Landeskriminalamt und zum Staatsschutz.

Besonders brisant sind mehr als 8.000 Dateien zur Infrastruktur. Darunter befinden sich Berichten zufolge Schwachstellenanalysen der Berliner Wasserversorgung. Weitere Unterlagen betreffen Anlagen und Gebäude, die im Krisenfall oder im Verteidigungsfall besonders geschützt werden müssen.

Solche Pläne sind nicht dafür geschrieben worden, dass Kriminelle, Saboteure oder ausländische Nachrichtendienste sie beim Frühstück herunterladen. Dennoch stehen sie nun im Netz. Berlin hat möglichen Angreifern nicht nur Namen und Telefonnummern geliefert, sondern womöglich auch eine Gebrauchsanweisung für besonders empfindliche Stellen der Stadt.

Der Staat verlangt von jedem kleinen Unternehmen einen peniblen Datenschutz. Seine eigenen Geheimnisse bewachte Berlin offenbar wie einen offenen Bücherschrank. Jeder konnte etwas mitnehmen. Zurückbringen muss es niemand.

Die nächste Angriffswelle kommt per Post

Die veröffentlichten Dateien ermöglichen täuschend echte Behördenbriefe und elektronische Nachrichten. Die Täter kennen Absender, Empfänger, Vorgänge und Formulierungen. Sie besitzen frühere Schreiben, die nur noch leicht verändert werden müssen. Noch gefährlicher wird es, wenn echte Unterlagen mit Fälschungen vermischt werden. Aus einer Zustimmung wird eine Ablehnung. Ein Betrag bekommt eine zusätzliche Null. Eine harmlose Mitteilung erhält einen belastenden Satz.

Zwischen 1,44 Millionen echten Dateien fällt eine geschickt eingeschobene Fälschung kaum auf. Damit können Menschen verleumdet, Behörden gegeneinander ausgespielt und politische Skandale hergestellt werden.

ACHTUNG VOR BEHÖRDENPOST

Wer künftig Post von einer Berliner Behörde bekommt, muss besonders auf die Kontonummer achten. Bei Zweifeln bleibt nur der Anruf bei der Behörde. Dort wartet bereits die nächste Berliner Gefahr: die Warteschleife.

Berlin schickt die Rechnung an den Steuerzahler

Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner und Innensenatorin Iris Spranger können sich nicht darauf zurückziehen, dass Kriminelle den Angriff ausgeführt haben. Die Täter sind für den Datenraub verantwortlich. Die politische Führung ist dafür verantwortlich, wie die Daten der Bürger geschützt wurden.

Das Land will Betroffene informieren, sobald sie in den Dateien gefunden wurden. Bis dahin weiß kein Berliner, ob sein Ausweis, sein Arbeitsvertrag, sein Knöllchen oder seine Kontoverbindung bereits in kriminellen Händen liegt.

Der Staat verlangt immer mehr Daten und verspricht dafür Sicherheit. Berlin hat dieses Versprechen gebrochen. Die Bürger können ihre gestohlenen Personalakten, Ausweiskopien und Kontodaten nicht zurückholen. Sie müssen nun jahrelang damit rechnen, dass fremde Menschen daraus Geld machen.

Die Verantwortlichen werden Erklärungen abgeben. Mehr nicht, aber die Betroffenen sitzen mitten im Risiko.

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