Türken gegen Kurden: Eskalation nicht ausgeschlossen

Türken gegen Kurden: Eskalation nicht ausgeschlossen

Am 19. Oktober 2019 gingen in Köln mehr als 10.000 Kurden gegen den Einmarsch türkischer Truppen in den Norden Syriens auf die Straße. Der Tag verlief weitgehend friedlich, was vor allem einer massiven Polizeipräsenz geschuldet war. Entlang der Demostrecke waren die Schaufenster türkischer Geschäfte vernagelt worden. Die in Köln lebenden Türken waren vorgewarnt und gingen den Kurden aus dem Weg.

Erst nach der Großdemonstration kam es zu Konfrontationen. In Düsseldorf setzte die Polizei rund 120 türkische Fans des Fußball-Regionalligisten Rot-Weiss Essen fest. Sie hatten eine kleine Gruppe von Teilnehmern der Kölner Kurdendemonstration bemerkt und versucht, über sie herzufallen. Ein ähnlicher Vorfall mit türkischen Fußballfans ereignete sich am Abend desselben Tages in Bergisch-Gladbach bei Köln.

Bewahrung der nationalen Identität

Etwa eine Million Kurden leben im deutschsprachigen Raum. Die Zahl der bei uns lebenden Türken dürfte etwa doppelt so groß sein. Auch ein halbes Jahrhundert nach der ersten Anwerbewelle in den 1960er Jahren sind die meisten von ihnen nach ihrem Selbstverständnis keine kurdischen oder türkischen Deutschen, sondern Kurden oder Türken mit Wohnsitz in Deutschland. Davon zeugen die Satellitenschüsseln, die ihre Wohnblocks prägen und über die sie ausländische Fernsehsender empfangen: die Türken sehen Erdogans Staatsfernsehen, die Kurden empfangen Programme aus dem Irak und aus Syrien, die für Kurden in aller Welt gemacht werden.

Über das türkische und kurdische Fernsehen verfestigen sich die Parallelgesellschaften – seit Jahrzehnten. Sie arbeiten in deutschen Firmen und ihre Kinder besuchen deutsche Schulen, aber die meisten Türken im Ausland bleiben Türken und auch die meisten Kurden bewahren in fremden Ländern ihre sprachliche, kulturelle und nationale Identität.

Türkische Parallelverwaltung

Erdogan und seine Partei, die AKP, erheben ausdrücklich für die in Deutschland lebenden Türken einen politischen Vertretungsanspruch. In den Zuwandererghettos der deutschen Großstädte hat die aus Ankara finanzierte türkisch-islamische Union DITIP eine Parallelverwaltung errichtet. In türkischen Moscheen wird Recht gesprochen – oder das, was die Imame dafür halten. Hierhin dringt der deutsche Staat nicht vor.

Die in Deutschland lebenden Kurden sind zwar nur zu einem kleinen Teil im „Volkskongresses Kurdistans“ organisiert, einer Nachfolgeorganisation der verbotenen PKK. Aber diese politisch organisierten Kader sind gut vernetzt und mobilisierungsfähig. Sie beeinflussen das Leben der Kurden in Deutschland diskreter, als es die DITIP mit ihren repräsentativen Großmoscheen tut, aber nicht weniger effizient. Kurden und Türken haben in Deutschland unter den Augen der deutschen Sicherheitsbehörden ein erhebliches Konfliktpotential aufgebaut. Beide Seiten sind eskalationsfähig.

Politische Kurzsichtigkeit

Dass es so weit kommen konnte, ist das Ergebnis eines aus ideologischer Verblendung resultierenden Totalversagens der deutschen Politik. DITIB, „Volkskongress“ und die türkischen sowie kurdischen Fernsehsender im Ausland lassen seit Jahrzehnten alle Integrationsbemühungen der deutschen Politik ins Leere laufen. Dies aber wird im Politikbetrieb immer wieder erst im Konfliktfall bemerkt, wie er jetzt ansteht, weil die politischen Verantwortlichen ihr multi-kulturelles Weltbild nur selten mit der Realität abgleichen. Sonst wäre ihnen längst aufgefallen, dass ein deutscher Pass nicht unbedingt die Loyalität eines Türken zu Recep Erdogan oder eines Kurden zum inhaftierten PKK-Führer Abdullah Öcalan bricht.

Erdogans politisches Fernziel ist die Erneuerung des Osmanischen Reiches. Dafür sind seine Anhänger in Deutschland bereits mit flatternden Fahnen und klirrendem Spiel durchs Brandenburger Tor marschiert. Die jetzt türkisch besetzten syrischen Gebiete sind Bestandteil des alten osmanischen Herrschaftsraumes, den Erdogan für Ankara zurückerobern will.

Risiken der Parallelgesellschaften

Mit jeder Woche, die Erdogans Truppen länger in Syrien zubringen, wächst der Hass kurdischer Nationalisten auf ihre türkischen Nachbarn in Deutschland und insbesondere auf politisch organisierte Türken. DITIB, Graue Wölfe und Mitglieder der Regierungspartei AKP stehen auf ihrer Feindesliste. Mit jedem weiteren Toten, der in Nordsyrien zu beklagen ist, steigt die Wahrscheinlichkeit von Ausschreitungen auf deutschem Boden. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann in deren Folge auch in Deutschland Tote zu beklagen sein werden.

Die jahrzehntealte Fehlentscheidung deutscher Politiker, halbwegs geschlossene türkische und kurdische Siedlungsgebiete in unseren Großstädten zuzulassen, birgt ein tödliches Potential. Sie sollte so schnell wie möglich, so gründlich wie möglich, so sozial verträglich und so friedlich wie möglich korrigiert werden.

Janitscharen-Umzug durch das Brandenburger Tor am Türkischen Tag in Berlin | Foto: CC-Lizenz, Danyalov
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